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Gedenken zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

27. Januar 2020

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Zum Gedenken an die Opfer der Nazi-Barberei haben sich 75. Jahre danach in Werder (Havel) Menschen an verschiedenen Orten versammelt. Am Vormittag an den Stolpersteinen in Glindow, wo die Familie Salomon lebte, an den Stolpersteinen in der Torstraße, wo die Familie Jacob ein Kaufhaus betrieb und am sowjetischen Ehrenmal für die gefallen Soldaten auf dem Friedhof Kemnitzer Straße. Im Kino Scala wurde in Ausschnitten der Film "Shoa" gezeigt. An der Veranstaltung am Café Jacob nahmen als Ehrengäste auch zwei Nachfahren der Familie Olschowski teil.

Organisiert hatten die Veranstaltungen das Aktionsbündis "Weltoffenes Werder" und weiter Organisationen und Parteien. Wir als DIE LINKE waren für die Organisation des Gedenkens am sowjetischen Ehrenmal verantwortlich, wo wir uns in jedem Jahr zum Holcaustgedenktag treffen.

Vor 25 Teilnehmern am sowjetischen Ehrenmahl sprach die ehemalige Europa-Abgeordnete Gabi Zimmer, deren Ansprache wir hier wiedergeben:

Heute, am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungs- und Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch Soldaten und Offiziere der Roten Armee, wird auf vielfältige Art und Weise der Opfer des menschenverachtenden Naziregimes gedacht.
In Werder haben im Laufe des Tages Menschen unterschiedlichsten Alters, politischer und religiöser Herkunft das Schicksal jüdischer Mitbürger der Stadt in den Mittelpunkt gerückt.
Diese mussten vor den Nazis fliehen, wurden deportiert, als Zwangsarbeiter eingesetzt und viele von ihnen starben in den Konzentrationslagern.
Ihre Familienangehörige leben verstreut in der ganzen Welt.

Unser Gedenken reiht sich in die Initiativen ein, die in Werder, in Glindow und anderswo stattfinden.
Wir haben uns ganz bewusst am Ehrenmal für sowjetische Soldaten, die ihr Leben für die Befreiung vom Faschismus verloren, hier in Werder auf dem Friedhof versammelt.
Sie, die während des Krieges bereits unglaubliche Verbrechen der Nazis erlebt hatten, waren nicht auf die Schrecken und das Entsetzen gefasst, als sie diesen Ort betraten.
Sie fanden ca. 7000 dem Tode geweihte Menschen vor.
Ärzte und Schwestern der Roten Armee, polnische Freiwillige und das polnische Rote Kreuz versuchten in den darauffolgenden Tagen zu retten, zu helfen, den Menschen zur Seite zu stehen.
Aber noch im Lager starben weitere 220 der Geretteten.
Nur wenige Tage zuvor wurden mehr als Zehntausend Häftlinge auf den Todesmarsch geschickt.
Die wurden zurückgelassen, die sowieso sterben würden.

Nichts, was je über Auschwitz geschrieben wurde, kann beschreiben, was wirklich geschah.
Zahlen helfen uns lediglich, das Unfassbare abstrakt zu verarbeiten.
Sie können das Leiden, die Verzweiflung auch nur eines einzigen Menschen nicht annähernd reflektieren.

Trotzdem: weil es wehtut und weil Manche die Verbrechen der Nazis verharmlosen oder leugnen, die Verbrechen, den Holocaust in Frage stellen, sage ich auch diese Zahlen, die so unglaublich sind:

Eine Million einhunderttausend Juden wurden in Auschwitz ermordet,
70.000 Polen, unter ihnen viele Widerstandskämpfer,
25.000 Sinti und Roma,
15.000 Kriegsgefangene der Roten Armee und weiterer Armeen wurden bestialisch ermordet, verhungerten, starben an Erschöpfung, wurden Opfer medizinischer Versuche.

Mit Gas wollten die Nazis das ganze jüdische Volk auslöschen, vernichten, ihrem Rassenwahn zum Sieg verhelfen.

Überlebende Kinder beschreiben, wie sie bei Ankunft in Auschwitz von den Eltern getrennt worden:  
Links die Älteren, rechts die Kinder.
Diese glaubten, sie würden getrennt von ihren Eltern in verschiedenen Blocks untergebracht.
Häftlinge sagten:
Dort gehen eure Eltern durch den Kamin.
Sie verstanden es nicht.
Was erzählen die für einen Unsinn.
Am nächsten Tag erfuhren sie, dass es stimmte.
Ihre Eltern waren vergast und verbrannt worden.

Was geschah zum Beispiel im Block 10 von Auschwitz?
Über Jahre bekamen Frauen Flüssigkeiten eingespritzt, um sie unfruchtbar zu machen. Operationslose Sterilisierung. Verklebung der Eileiter.
Das erfolgte in enger Zusammenarbeit mit dem Schering- Konzern!  
Stattliche Honorare für die Pharmakonzerne!

Himmler verfolgte die Absicht einer “negativen Demographie” bei den “Ostvölkern”
Er verfügte die Einrichtung einer medizinischen Station, in der Experimente an Frauen betrieben wurden.
Sie sollten unfruchtbar werden, keine Nachkommen zeugen können.
Eine weitere perfide Art, ein Volk auszulöschen.
Unfassbar.
Furchtbare Schmerzen. Tod, Frauen, die “unbrauchbar” wurden.
Die SS stellte dem Arzt Prof. Dr. Carl Clauberg, einem renommierten Fortpflanzungswissenschaftler, 498 Frauen für Versuchszwecke zur Verfügung.
Für jede Frau zahlte er pro Woche 1Reichsmark an die Lagerleitung.

Deutsche Justiz zweifelt nach dem Krieg die Berichte von gequälten Frauen an.
Es folgten entwürdigende Prozeduren, um die Erklärungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Verbrechen wider die Menschlichkeit.

Ich bitte Sie für all jene Menschen, die in Ausschwitz- Birkenau, in Ravensbrück, Treblinka, Buchenwald, Sachsenhauen und in anderen Konzentrationslagern ermordet wurden, eine Minute des Schweigens einzulegen.

Auschwitz steht auch für die anderen Konzentrationslager in Deutschland, Polen, Osteuropa, in besetzten Gebieten Westeuropas, in denen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden.
Auschwitz unterscheidet sich durch die Perfidie des Industriellen Massenmords von anderen KZ.
Es spielte also eine besondere Rolle in der Strategie der Nazis.
Nichts kann das relativieren.
Nicht den Einsatz von Zyklon B, einem Schädlingsbekämpfungsmittel, hergestellt von der IG Farben.
Sie setzten es zur massenweisen Vergasung ein.
Innerhalb einer halben Stunde erstickten die Menschen jämmerlich.
Oder die von der Erfurter Firma Topf & Söhne hergestellten Verbrennungsöfen, speziell konstruiert zur massenweisen Verbrennung von Menschen.
Deutsche Gründlichkeit und Genauigkeit, spezielles Ingenieurwissen im Dienste eines verbrecherischen Regimes!

Frank Walter Steinmeier hat in seiner Rede in Yad Vashem wichtige Worte gefunden, um klar zu machen, dass DE mit aller Kraft jede Form von Antisemitismus bekämpfen wird.
Es liegt auch an uns, dazu beizutragen, dass dies nicht einfach schöne Worte bleiben.

Die Realität sieht anders aus.
Zulange haben offizielle Stellen Augen und Ohren verschlossen, nicht sehen, nicht hören wollen, was inzwischen fast überall in Deutschland, auf den Straßen, in Familien, in Schulen, Unternehmen, im Internet passiert.

Warum jeder Vierte in DE meine, dass Juden nicht zu unserer Gesellschaft gehören würden.
Wie ist es möglich, dass die Verbrechen der Nazis relativiert bzw. negiert werden?
Was müssen wir tun, damit keine Gedenkstätten wie die in Buchenwald oder Sachsenhausen für rechte Hetze missbraucht, diese nicht geschändet werden und der alte Ungeist sich nicht in den Köpfen unserer Kinder und Enkelkinder einnisten kann?

Die Zeit des Faschismus ist eben kein Fliegenschiss in unserer Geschichte.
Sie prägt uns, die Nachkriegsgeborenen, ebenso wie künftige Generationen im Sinne von Verantwortung.
Niemals wieder darf zugelassen werden, dass Menschen verfolgt, getötet, ausgelöscht werden, weil sie anders oder genauso sind wie wir.
Niemals wieder darf es eine schweigende Menge geben, die zusieht, schweigt, gestattet, dann irgendwann mitmacht.
Gleichgültigkeit tötet!
Der Schwur der ehemaligen Häftlinge von Buchenwald – er lebt noch!
Da aber immer weniger Überlebende von den Gräueltaten berichten können, müssen wir ihre Arbeit fortsetzen.

Gleichgültigkeit, Geschichtsrevisionismus und Vergessen dürfen aber auch gegenüber den Männern und Frauen nicht gelten, die als Angehörige der Sowjetarmee ihr Leben ließen.
Der 27. Januar 1945 war ein wichtiges Datum auf dem Weg zum 8. Mai 1945.
Auschwitz und die anderen KZ wären ohne die Sowjetarmee und die Alliierten nicht befreit worden.
Deshalb sind wir verpflichtet, auch ihrer würdig zu gedenken.
Gemeinsam mit den Verantwortlichen der Stadt, Bürgerinnen und Bürger gilt es deshalb, auch diesen Ort des Gedenkens bis zum 75. Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus wiederherzustellen.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie hier sind, Zeichen setzen wollen, gegen neue und alte Nazis, gegen das Vergessen und Wegschauen. Dafür, dass sie sich aktiv engagieren für ein solidarisches Zusammenleben aller. Für eine starke Demokratie, die Menschen schützt, ihre Würde als unantastbar verteidigt.

 

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Gedenkrede am Ehrenmal
Gabi Zimmer (links) spricht zu den Anwesenden